So sehen es unabhängige Asset Manager

Am langen Ende der Zinskurve dominiert seit Monaten eine Erzählung: hartnäckige Inflation und wachsende fiskalische Lasten halten die Renditen oben. Doch diese Erzählung könnte schon bald von einem anderen Thema abgelöst werden – der Frage, wie sich Künstliche Intelligenz tatsächlich entwickelt.
Die These dahinter:
- Setzt sich die KI-Erfolgsgeschichte durch und erwirtschaften die großen Technologiekonzerne die milliarden- bis billionenschweren Umsätze, die der Markt einpreist, wirkt das stark deflationär – Produktivitätsgewinne drücken die Preise, und mit ihnen die Zinsen am langen Ende.
- Bleibt der erhoffte Durchbruch dagegen aus und platzt die KI-Bewertungsblase, würde eine Rotation aus Aktien in Staatsanleihen einsetzen – mit demselben Effekt: fallende Renditen, diesmal getrieben durch Risikoaversion statt durch Produktivität.
Bemerkenswert an dieser Überlegung ist weniger die Richtung als der Mechanismus: In beiden Szenarien geraten die Zinsen unter Druck – nur die Ursache unterscheidet sich fundamental, und mit ihr die Konsequenzen für Portfolios. Die kommenden sechs bis zwölf Monate dürften zeigen, welches der beiden Szenarien sich durchsetzt.
Wie ordnen erfahrene Asset Manager diese These ein – und welche Konsequenzen ziehen sie daraus für ihre Portfolios? Auf den folgenden Seiten kommen Multi-Asset- und Rentenmanager verschiedener Boutiquenfonds zu Wort und ordnen die These aus ihrer jeweiligen Perspektive ein.
Wichtiger Hinweis: Bei den in dieser aktuellen Umfrage getätigten Äußerungen handelt es sich nicht um Kauf- oder Verkaufempfehlungen oder Finanzanalysen. Die Meinungen der befragten Fondsmanager und -berater eignen sich nicht zur direkten Übernahme in eigene Anlagestrategien. Basis von Kauf- und Verkaufentscheidungen sollten immer die gesetzlich vorgeschriebenen Verkaufsunterlagen wie Verkaufsprospekte und Jahresberichte sowie eine ausführliche individuelle Beratung sein.
Die Autoren bzw. die Unternehmen für die Sie tätig sind, besitzen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung möglicherweise Positionen in den genannten Aktien.
ICM InvestmentBank AG

Dr. Norbert Hagen
Vorstandssprecher
ICM InvestmentBank AG
Warum KI-Boom und Zinswende sich nicht ausschließen
Wir sehen die beiden geschilderten Szenarien nicht als Gegensatz, sondern als zeitlich versetzte Abfolge. Beide Thesen haben ihren Charme, und sie schließen sich unseres Erachtens gerade nicht gegenseitig aus. Ein ähnliches Muster kennen wir bereits – aus dem Jahr 1987.
Ein Erfolgsmodell mit Grenzen
Die US-Wirtschaft und mit ihr der Aktienmarkt haben ihre Erfolgsgeschichte stets auf steigende Produktivität gestützt. Der Erfolg von Künstlicher Intelligenz wäre dafür der Garant – und entsprechend optimistisch ist der Markt derzeit gestimmt. Die langfristige Gewinnwachstumserwartung für US-Aktien liegt aktuell bei rund 22 Prozent pro Jahr, einem Rekordwert, während ein zusammengesetzter Stimmungs- und Risikoindikator ein Niveau erreicht hat, wie es zuletzt 2000, 2011 und 2021 zu beobachten war – jeweils kurz vor spürbaren Korrekturen. Gewinnwachstumsraten lassen sich aber nicht dauerhaft in diesem Tempo halten, wären dafür jedoch nötig, um die Kurse weiter zu treiben.
Die Parallele zu 1987

Quelle: BCA Research, 2026
Dass eine Korrektur nicht zwingend erst dann kommt, wenn das Wachstum spürbar nachlässt, zeigt der Blick zurück auf 1987: Nach der Nominierung Alan Greenspans zum Fed-Vorsitzenden im Juni jenes Jahres stiegen die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen, während der handelsgewichtete Dollar deutlich nachgab – und der S&P 500 zunächst weiter anzog, bevor er im Oktober crashte. Bemerkenswert dabei: Sowohl das nominale wie das reale Bruttoinlandsprodukt wuchsen bis zuletzt robust, ebenso Umsätze und Gewinne je Aktie. Starkes Wachstum allein hat den Crash damals also nicht verhindert – ein Muster aus steigenden Zinsen, fallendem Dollar und überdehnter Aktienbewertung, das uns an die heutige Konstellation erinnert.
Der Dollar als Schwachstelle
Kurzfristig mehr Wachstum würde derzeit vor allem eines bringen: die dringend nötige Stabilisierung des Verhältnisses von Staatsschulden zum Bruttoinlandsprodukt. Sinkt zugleich die Realverzinsung, wäre auch US-Finanzminister Bessent zufrieden – er müsste weniger Geld für den Schuldendienst aufwenden. Die Kehrseite wäre allerdings ein schwächerer Dollar. Dagegen wirkt derzeit noch der Ölpreis als Inflationstreiber, der für eine höhere Teuerung als üblich sorgt.
Ein fallender Dollar infolge sinkender Realverzinsungen würde aus unserer Sicht auch ausländische Portfolioinvestitionen in Anleihen wie Aktien gleichermaßen bremsen. Allein in den vergangenen zwölf Monaten kauften ausländische Investoren US-Aktien im Gegenwert von rund 900 Milliarden US-Dollar – fast das Neunfache des langfristigen Durchschnitts. Das ist aus unserer Sicht ein Einmaleffekt, der sich wieder zurückdrehen wird. Auch ein Auseinanderlaufen von Kursen langer Anleihen und Aktien hält erfahrungsgemäß nie lange an, wie schon 1987 zu beobachten war. Am Ende stünde daher aus unserer Sicht ein Kursrückgang bei Aktien, begleitet von fallenden Zinsen, wenn Kapital in sichere Häfen fließt.
Konsequenzen für unsere Positionierung im Leonardo UI
Diese Einschätzung spiegelt sich in der Aufstellung unseres Fonds Leonardo UI wider. Aktuell liegt die Aktienquote bei rund 40 Prozent – vor einer Woche waren es noch fast zehn Prozentpunkte mehr, bevor wir Goldminenwerte bei einem Goldpreis von 4.600 US-Dollar je Feinunze verkauft haben. Anleihen sind bei kurzer Duration leicht übergewichtet.
Auch das MacroQuant-Modell von BCA Research, an dem wir uns orientieren, signalisiert für September eine vorsichtige Ausrichtung: Es empfiehlt eine globale Aktienquote von rund 38 Prozent gegenüber einer Benchmark von 60 Prozent, bei gleichzeitig deutlich übergewichteter Cash-Quote von knapp 31 Prozent. Innerhalb der Aktienquote wird insbesondere die US-Gewichtung weiter reduziert, zugunsten von Emerging-Asia- und europäischen Gewichtungen. Bei US-Staatsanleihen halten wir zwar Positionen, allerdings nicht im vom Modell nahegelegten Übergewicht – unsere Basiswährung ist Euro, nicht US-Dollar wie im Modell unterstellt.
Fazit
Wir rechnen also nicht mit einem Entweder-oder zwischen KI-getriebener Deflation und einer Flucht in Staatsanleihen, sondern mit einer Abfolge: erst eine Phase der Übertreibung, getragen von KI-Optimismus und einmaligen Kapitalflüssen, dann eine Korrektur mit fallenden Zinsen, wenn sich diese Effekte umkehren. Unsere aktuelle Positionierung im Leonardo UI trägt dieser Erwartung bereits Rechnung.
Fonds: Leonardo UI – DE000A0MYG12
Gesellschaft: ICM InvestmentBank AG
Oberbanscheidt & Cie

Andre Koppers
Geschäftsführer
Oberbanscheidt & Cie. Vermögensverwaltungs GmbH
Zinsrückgang ja – aber nicht primär wegen KI
Die These, dass sich das Zins-Narrativ in den kommenden sechs bis zwölf Monaten grundlegend zugunsten oder zulasten eines KI-Szenarios verschiebt, greift unseres Erachtens zu kurz. Sie stellt einen einzelnen Faktor in den Mittelpunkt, während die Zinsmärkte tatsächlich von einer Vielzahl makroökonomischer Einflussgrößen geprägt werden.
Was aus meiner Sicht wirklich zählt
Ja, wir rechnen für die kommenden Monate mit moderat bis leicht fallenden langfristigen Zinsen. Die Ursache dafür sehen wir jedoch nicht primär in der Entwicklung rund um Künstliche Intelligenz. KI kann langfristig zweifellos ein bedeutender Produktivitätstreiber werden – für die Zinsentwicklung im relevanten Sechs- bis Zwölfmonatshorizont halten wir jedoch Konjunktur, Inflation, Zentralbankpolitik, Staatsfinanzen und geopolitische Entwicklungen für deutlich relevanter. Eine fundamentale Ablösung des aktuellen Zins-Narrativs durch ein reines KI-Narrativ erwarten wir daher nicht. Wahrscheinlicher ist aus unserer Sicht eine schrittweise Rückkehr zu einem Umfeld mit etwas niedrigeren Zinsen infolge einer moderateren wirtschaftlichen Dynamik.
Konsequenzen für unsere Asset Allocation
Diese Einschätzung spiegelt sich auch in der Asset Allocation unserer Fonds wider – allerdings nicht als Wette auf eine KI-getriebene Entwicklung, sondern auf ein Umfeld mit moderatem Wachstum, rückläufigem Inflationsdruck und tendenziell leicht fallenden Zinsen. Unsere Positionierung basiert auf der Annahme, dass die aktuell hohen Realzinsen auf Dauer nur schwer aufrechtzuerhalten sind, wenn sich die Wirtschaft weiter abkühlt und die Zentralbanken ihren Lockerungszyklus fortsetzen. Entsprechend sehen wir bei qualitativ hochwertigen Anleihen ein attraktives Chancen-Risiko-Verhältnis. Gleichzeitig gehen wir nicht von einem starken Renditerückgang oder einer Rezession aus. Deshalb bleiben wir auch bei Aktien investiert und fokussieren uns auf Unternehmen mit robusten Geschäftsmodellen, soliden Bilanzen und nachhaltigem Gewinnwachstum. Unsere Asset Allocation spiegelt somit kein extremes Szenario wider, sondern die Erwartung eines geordneten Übergangs zu einem Umfeld mit moderaterem Wachstum und leicht sinkenden Zinsen.
Fazit
Kurz gesagt: Wir rechnen zwar mit tendenziell niedrigeren langfristigen Zinsen, sehen die Ursache dafür jedoch eher in der Kombination aus nachlassender Inflation, schwächerem Wachstum und einer graduellen geldpolitischen Lockerung als in einem einzelnen KI-Szenario.
Fonds: Oberbanscheidt Global Flexibel UI– DE000A1T75S2 (I) / DE000A1T75R4 (R)
Gesellschaft: Oberbanscheidt Vermögensverwaltungs GmbH
FUNDATIS Investment Management GmbH

Stefan Hentschel
Geschäftsführer
FUNDATIS Investment Management GmbH
Attraktive Kupons, moderater Zinssenkungsspielraum:
Wie wir uns für beide Szenarien positionieren
Aus Carry-Gesichtspunkten ist das aktuelle Zinsniveau aus unserer Sicht weiterhin attraktiv und bietet Anlegern eine stabile Quelle laufender Kuponerträge. Bei Zinsträgern wie Staatsanleihen sowie Corporate Bonds guter Bonität bewegen sich die laufenden ordentlichen Erträge bei mittleren bis langen Laufzeiten derzeit überwiegend im Bereich von rund 3 bis 4,5 Prozent. Eine weitere massive Zinssteigerung am langen Ende der Zinskurve erscheint uns aus heutiger Sicht eher unwahrscheinlich – denkbar wäre sie vor allem im Falle eines deutlichen neuen Inflationsschocks.
Eine wesentliche Ertragsquelle – und ein Stabilisator
Neben Dividenden und möglichen Kursgewinnen stellen klassische Zinserträge für uns eine wesentliche Ertragsquelle unseres Fonds dar. Die Kupons der gehaltenen Zinsträger können negative Kursbewegungen teilweise abfedern und liefern zugleich eine wichtige diversifizierende Komponente innerhalb des Portfolios.
Spielraum für Zinssenkungen – aber keine Rückkehr zur Nullzinspolitik
Sollte sich die Konjunktur abschwächen oder eine mögliche KI-getriebene Marktübertreibung korrigieren, hätten die Notenbanken auf dem aktuellen Zinsniveau aus unserer Sicht grundsätzlich wieder Spielraum für Zinssenkungen. Eine Rückkehr zu einer ausgeprägten Nullzinspolitik, die sich im Rückblick als Liquiditätsfalle erwiesen hat, erscheint uns jedoch weniger wahrscheinlich. Plausibler wären moderate Zinssenkungen am kurzen Ende, deren Wirkung sich gedämpft auf die gesamte Zinskurve ausstrahlen würde. Gleichzeitig dürften Anleger weiterhin eine angemessene Laufzeitenprämie verlangen.
Wovon unser Fonds in diesem Szenario profitieren würde
Von einem solchen Zinssenkungsszenario könnten wir auf der Rentenseite über Kursgewinne bei Anleihen profitieren. Auch Infrastruktur-, Immobilien- und Aktienanlagen würden tendenziell unterstützt, da zukünftige Cashflows bei niedrigeren Zinsen mit geringeren Diskontierungssätzen abgezinst würden, was zu höheren Barwerten führt.
Robustheit durch Diversifikation
Ein Platzen einer KI-Blase und eine deutliche Konjunkturabkühlung würden aus unserer Sicht jedoch voraussichtlich auch zu erheblichen Korrekturen bei Risk Assets führen. Gerade in solchen Marktphasen halten wir ein breit diversifiziertes Portfolio für entscheidend. Die Beimischung taktischer Investments wie physischer Edelmetalle und Minenaktien kann dazu beitragen, Drawdowns abzufedern und die Robustheit des Portfolios zu erhöhen. Darüber hinaus können defensive Aktiensegmente, etwa Healthcare- und Medtech-Unternehmen, in Stressphasen zusätzliche Stabilität ins Portfolio bringen, da ihre Geschäftsmodelle häufig weniger konjunktursensitiv sind und eine vergleichsweise robuste Ertragsbasis aufweisen.
Fonds: Fundatis Diversified Selection * ISIN DE000A3C92G4 / DE000A3C92J8
Gesellschaft: Fundatis Investment Management GmbH


